Leben mit einem tauben Hund ? 
 

Wenn in Ontario, Kanada, der Club der Australischen Schäferhunde seine jährlichen Wettbewerbe durchführt, dann steht seit einiger Zeit der Sieger in der Klasse 'Best Trick' schon fest: Es ist die Schäferhündin Maggie-Mae. 
Wenn sie z.B. gefragt wird, was sie von ihrem (früheren) Würgehalsband hält, dann schnappt sie sich das und bringt es in den Müll. Wenn Frauchen mit ihr vom Gassi-Gehen nach Hause kommt, dann zieht sie ihr die Stiefel aus, das gleiche macht sie inzwischen mit Besuchern, ob die das wollen oder nicht. 
Maggie-Mae kam aus dem Tierasyl, wo sie auf der Warteliste zum Einschläfern stand. Denn Maggie-Mae ist taub. 

Das Internet ist voll mit solchen Geschichten. Aber sie haben alle den gleichen Tenor: 

  • Anhänglichkeit und Lernfähigkeit bei tauben Hunden sind enorm, aber
  • man darf nicht unterschätzen, was es heißt, einen tauben Hund zu haben
Oft steht die Frage im Vordergrund, ob und wie man einen tauben Hund erziehen kann. Besitzer, die Erfahrung auf diesem Gebiet haben, kostet diese Frage meist nur ein müdes Lächeln. Die Erziehung ist nicht das Problem, auch wenn sie bei einem nicht hörenden Hund einen wesentlich höheren Stellenwert hat als beim hörenden - im Gegenteil: nichts bringt so viel Freude und Stolz mit sich, wie die raschen Lernerfolge, die diese 'behinderten' Vierbeiner machen. 

Die eigentliche Herausforderung liegt in einem selbst und im Umfeld. 

Wenn Sie sich überlegen, einen tauben Hund zu sich zu nehmen, dann haben Sie an sich schon eine wichtige Voraussetzung erfüllt: eine Einstellung zum Tier, die nicht geprägt ist von Prestigegehabe, Modeerscheinungen oder Verlegenheit um ein Geschenk unterm Weihnachtsbaum. Ihnen geht es um das Tier als Wesen. 

Vor einer endgültigen Entscheidung sollte man aber sehr sorgfältig einige Aspekte abwägen, den ein solcher Familienzuwachs mit sich bringt. 
 

  • Der Familienrat: wenn sie nicht gerade alleine leben, dann sollte diese Überlegung mit allen Familienmitgliedern besprochen werden. Jeder in der Hausgemeinschaft muß sich im Klaren sein, daß auch von ihm bestimmte Anpassungen beim Umgang mit dem Hund erforderlich sind. Die Zeichensprache muß einheitlich angewendet werden, die Regeln über die Bewegung im Freien müssen beachtet werden, usw. Es muß auch jedem klar sein, daß es kein zurück gibt. So einen Hund wieder ins Tierheim zu bringen ist pure Tierquälerei.
  • Der Aufwand: auch wenn die Erziehung kein unüberwindbares Problem ist, sie kostet Zeit - und ist beim tauben Hund unverzichtbar. Wenn es sich dann noch um ein Tier handelt, das viel Bewegung braucht (wie z.B. der Dalmatiner), dann müssen Sie schon einige Stunden pro Tag Zeit haben. Und wenn möglich, nicht nur einer in der Familie!
  • Das Durchhalten: fragen Sie sich ganz ehrlich, ob Sie die Ausdauer, die Geduld und die Hingabe aufbringen können, die für einen solchen Hund erforderlich sind. Mit Beckenbauers  'Schaumer mal!' ist es da nicht getan. Schätzen Sie sich offen und ehrlich ein.
  • Der Lebensstil: läßt es Ihr gewohnter Lebensstil zu, Aufwand und Zeit im erforderlichen Maß zu investieren? Wenn Sie z.B. viel und ausgiebig ohne Hund verreisen, haben Sie nämlich schon das erste Problem. Sind Sie sehr oft nicht zu Hause, muß der Hund längere Zeit alleine bleiben?
  • Die Erfahrung: Hatten Sie schon einmal einen Hund? Das kann unheimlich hilfreich sein, denn dann kennen Sie sich mit dem grundlegenden Umgang dieser Spezies ja schon aus und machen nicht ausgerechnet bei Ihrem tauben Hund die ersten Erfahrungen durch Fehler. Als erster Hund sollte ein tauber Hund möglichst nicht in die Familie genommen werden.
  • Die Kinder: wenn Sie Kinder in der Familie haben, dann sollten diese so reif sein, daß sie verstehen, was es bedeutet, taub zu sein. Sie sollten auch schon in der Lage sein, eine gewisse Verantwortung beim Umgang mit einem Tier zu entwickeln.
Kurz:
wenn Ihr Herz den Wunsch geäußert hat, 
sollte Ihr Kopf die Entscheidung treffen!

Glauben Sie jetzt aber bloß nicht, daß ich von der Aufnahme eines tauben Hundes abrate. Im Gegenteil. Sie sollten nur vorher wissen, welche Entscheidung Sie treffen. 
Wenn Sie das ganz bewußt getan haben, kommen Sie auch leichter über ein paar Schwierigkeiten hinweg - die Gefahr, daß Sie das Handtuch schmeißen, ist kleiner und die Freude, die Ihnen der Hund machen wird, um so größer. 
 
 

 
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